Berlin – ein Wiedersehen

Oder: warum wir nicht mehr in einer Großstadt leben können.

Vor ein paar Wochen sind wir mal wieder nach Berlin gefahren. Lange lange lange hatten wir uns unglaublich sehr auf diesen Trip gefreut. Seit wir Berlin 2012 den Rücken gekehrt haben, kommen wir mindestens ein-zweimal im Jahr dorthin. Dieses Mal war es genau ein Jahr und 4 Monate her. Doch dieser Trip war anders als die damaligen. Es war zwar nicht das erste Mal mit Frida, trotzdem war es anders. Eigentlich konnten wir es kaum erwarten, „unser“ altes Berlin zu sehen. Doch es fängt schon an, während wir über den Ring in die Stadt reinfahren: Ein komisches Gefühl macht sich in mir breit. Ich fühle mich eingeengt, überall Beton, Dreck, Hitze, Menschen. Kann nicht atmen. Sofort habe ich das Bedürfnis, wieder zurück in die Natur zu wollen. Ich bin emotional aufgewühlt.

Früher haben wir hier gelebt. Mitten in Berlin Prenzlberg, hatten eine kleine, coole Wohnung mit Balkon und Blick auf den Fernsehturm, liebten den Großstadtdschungel, das WirrWarr, das Multikulturelle, die hippe Atmosphäre, die Freaks, die Offenheit, die Ruppigkeit. Gingen jedes Wochenende bis zum Morgengrauen in den krassesten Clubs feiern, trafen uns zum Feierabendbier in Hipster Cafes, testeten neue Restaurants und gemütliche Vintage Cafés, picknickten in Parks, schlenderten durch Museen, gingen ins Theater, ins Kino, in Galerien, besuchten die hipsten Ausstellungen, Modeshows, Messen, verbrachten ganze Wochenende auf Open Airs, bummelten über Flohmärkte, kurierten unsere Hangover im Mauerpark aus. Heute hier morgen dort und manchmal auch gleichzeitig. Man könnte ja etwas verpassen. Verteufelten die Winter und liebten die Sommer. Berlin passte zu uns. Innerlich waren wir irgendwie auch so ein bisschen wie Berlin. Verwirrt, abgelenkt, rastlos, chaotisch, unentschieden.

Die Weltreise veränderte uns. Das merkten wir 2014 nach unserer Rückreise schmerzlich und verworfen den alten Gedanken, doch wieder nach Berlin zurück zu kehren (hier habe ich darüber geschrieben). So ganz auf dem Land zu wohnen, konnte ich mir aber auch nicht vorstellen. Ich brauche die Bars, das Ausgehen, die Cafés, das Shoppen, die endlosen Möglichkeiten, sich abzulenken, höre ich mich sagen. Drei Jahre der Veränderung, neuen Einstellungen und verändertem Bewusstsein sollten folgen. Mit der Geburt eines Kindes ändert sich ja bekanntlich nochmal alles. Und bei diesem Berlin Besuch wird uns vieles zum ersten Mal klar.

Die Menschen: hektisch, negativ, kein freundliches Lächeln. Ellenbogenmentalität. Genöle und Gemecker. Zum Großteil. Es gibt sie natürlich, die wenigen Ausnahmen. Die allerdings für mich, hier in dieser Stadt, in der Minderheit sind. Ständig muss ich Frida im Blick haben, an die Hand nehmen. Überall liegt Müll. Überall lauern Gefahren: die Autos, die Fahrradfahrer, die Bahn. Hier nimmt keiner Rücksicht auf kleine Kinder. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht von dieser Hektik anstecken lassen. Die Menschen – sie kommen uns alle so ferngesteuert vor. Wie in einem Computerspiel. Berlin ist irgendwie anders und doch gleich. Wie eine Blase. Hier fühle ich mich blockiert, gefangen, zerrissen, abgelenkt von all den Freizeitmöglichkeiten, ständig auf der Suche nach Beschäftigung, ständig in Bewegung. Weit weg vom Wesentlichen. Mir selbst. Man braucht schon mal den Mut und den Abstand und die Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Hier in der Stadt fehlt mir das alles. Es ist ja auch zu bequem.

Was wäre wenn? Wir damals nicht hier weg gezogen wären? Wären wir noch Teil dieser Blase? Aus der es so schwer fällt, den Ausstieg zu finden?  Hätten wir nicht zu uns selbst gefunden? Würden wir feststecken in alten Strukturen? Festgefahren? Ich laufe durch unseren alten Kiez. Es ist anders. Andere Atmosphäre, andere Leute, andere Cafés, andere Häuser. Ich fühle mich hier nicht mehr wohl. Nein, hier passe ich einfach nicht mehr hin. Ich merke, wie ich mich verändert habe. Wie sich mein Denken verändert hat. Meine Prioritäten verschoben haben. Ich bin älter, reifer, weiser geworden. Heute sind mir andere Dinge wichtig. Ich möchte die Natur in vollen Zügen genießen, mitten drin sein, ihre unglaubliche Ruhe spüren. Barfuß über Wiesen laufen, gärtnern, Lebensmittel anbauen, das Gefühl der Weite, des Frei Seins, Entschleunigung. Weg von all den negativen Einflüssen und Ablenkungen. Berlin passt da nicht mehr dazu.

Ja, Berlin ist ein Teil von mir. Sogar ein ziemlich großer. Ohne Berlin wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Und ja, wir kommen trotzdem gerne hier her. Zu Besuch. Ein paar Tage Trubel, ein paar Tage Multikulti, Freaks, Hipster, Müll. Alte Freunde besuchen und in Erinnerungen schwelgen. An eine Zeit, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Aber leben? Nein, leben kann ich hier nicht mehr.

 

  1 comment for “Berlin – ein Wiedersehen

  1. 4. Juli 2017 at 11:00

    Wie haben ganz ähnliche Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit – als ob es für jeden Ort ein bestimmtes Alter gibt, und wenn sich der Ort nicht mehr weiterentwickelt mit uns (oder anders), passt es eben nicht mehr. Noch wohnen wir zwar in Berlin, aber die Sehnsucht nach Weite, Ruhe und Natur nimmt zu.

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